Die Tochter einer trans Person

Trans Menschen leben entsprechend ihrer Geschlechtsidentität und identifizieren sich nicht mit dem Geschlecht, welches ihnen bei der Geburt aufgrund der Körpermerkmale zugewiesen wurde. Das zugeordnete Geschlecht zu ändern und dem Inneren anzupassen, ist ein langer, komplexer Prozess. Auch für Angehörige birgt die Transition eines nahestehenden Menschen viele Herausforderungen. Wie geht man als Kind mit der Transition eines Elternteils um? Mit welchen Schwierigkeiten wird man konfrontiert? Und welche Auswirkungen hat die Situation auf das Familienleben?

Facts

Rebecca

FAQ

In welcher Familienkonstellation bist du aufgewachsen?

Ich wuchs mit meinen Eltern und meinem eineinhalb Jahre älteren Bruder in der Stadt Zürich auf. Im Zürcher Unterland besuchte ich die Primar- sowie Kantonsschule. Als ich im zweiten Gymi war, startete mein Vater seine Transition. Dies führte dann zur Trennung meiner Eltern.

Wie hast du vom Transitions-Wunsch deines Vaters erfahren?

Wir sassen zusammen mit meiner Mutter in einem Restaurant. Mein Vater zeigte mir Collagen von Leuten, die vor und nach der Transition abgebildet waren. Er wies mich darauf hin, dass es immer dieselben Personen waren und meinte dann, dass er diese Entwicklung auch angehen möchte. Ich realisierte auf dem Rückweg, dass ich meinen Vater irgendwie anders wahrnahm und ich fragte mich, ob ich «diese Person» überhaupt kannte.

Hast du mit dieser Collage verstanden, was dein Vater dir mitteilen wollte?

Ich verstand die Mitteilung, aber nicht das Ausmass, das die Transition meines Vaters mit sich bringen würde. Zu diesem Thema wusste ich damals einfach noch zu wenig. In meinem damaligen Tagebuch hielt ich fest, dass mein Vater «Pillen» nehme, die ihn mehr zur Frau machen würden. Dass diese Pillen aber Hormone waren, habe ich überhaupt nicht verstanden. Ich dachte mir einfach, dass er dies machen soll, wenn es das ist, was mein Vater will. Es würde mich ja nicht betreffen.

Wie überrascht warst du von dieser Offenbarung?

Für mich war es sehr überraschend. Im Nachhinein realisierte ich, dass ich Anzeichen hätte erkennen können. Ich war aber erst 13 Jahre alt und kannte das Phänomen «Transgender» gar nicht.

Du sagst, du hättest etwas ahnen können. Welche Situationen meinst du damit?

Wir waren beispielsweise im Sommer zuvor in Dänemark in den Ferien. Dort trug mein Vater ab und zu ein Bikini. Ich sah sie auch mal Zuhause bei einem Fotoshooting in Frauenkleidern. Die Tendenz, dass mein Vater gerne Frauenkleider trug, kannte ich also. Ich fand es ein wenig komisch, aber dachte mir Nichts weiter dabei. Einmal scherzte ich sogar darüber, dass mein «Paps» nun meine «Papina» sei. Witzigerweise etablierte sich «Papina» dann als Wort und ich nenne sie bis heute so.

Wie war die Zeit für dich nach der Mitteilung über die Transition deines Vaters?

Meine Eltern stritten sich danach sehr regelmässig. Das belastete mich extrem, da ich mir das in meiner behüteten Kindheit nicht gewohnt war. Die Transition meines Vaters führte zu schwierigen Situationen in der Schule. Ich machte mir lange Gedanken, wem ich es mitteilen konnte, denn dass es ein Tabuthema ist, war mir schon damals bewusst. Ich tastete mich langsam von der einen Freundin zur Nächsten. Gleichzeitig verschlechterten sich meine schulischen Leistungen wegen der Streitereien meiner Eltern drastisch. Dazu kam, dass sich einige Mitschüler darüber lustig machten und sich gegenseitig als «Transe» beschimpften. Der gesellschaftliche Druck war allgemein sehr herausfordernd.

Wer hat dich in dieser Zeit unterstützt? Wo konntest du dir Antworten auf Fragen holen?

Durch die Initiative meines Klassenlehrers besuchte ich eine Therapie. Meine Therapeutin unterstütze mich dann in den verschiedenen Folgeaspekten der Transition meines Vaters. Wir beschäftigten uns mit der Frage, wie viel Vater mein Vater noch war und sprachen auch über den Abschied. Ein Verwandter formulierte es einst schön: «Es ist wie ein Abschied von jemandem, als wäre er gestorben, aber die Person lebt noch weiter.». Weiter hatte ich mit einem Rollentausch zu kämpfen. Ich hatte das Gefühl, dass ich auf meinen Vater aufpassen müsse. Meine Therapeutin bestärkte mich darin, dass ich mir selbst gut schauen müsse.

Gab es Personen, mit denen du dich austauschen konntest, die die gleiche Situation erlebten?

Damals nicht. Vor zehn Jahren war es noch mehr ein Tabuthema als heute. Letztes Jahr nahm ich dann an einer qualitativen Studie zu Kindern von trans Menschen teil. Dort lernte ich das erste Mal jemanden kennen, der eine ähnliche Situation erlebte wie ich. Das wünschte ich mir immer, da ich mich sehr alleine fühlte. Ich überlegte mir auch schon, ob ich eine Gruppe mit Kindern von trans Menschen gründen soll. Es ist aber sehr schwierig, diese ausfindig zu machen.

Wie veränderte sich die Beziehung zu deinem Vater?

Unsere Beziehung ist besser geworden. Früher hat mein Vater mir weniger zugehört, wenn ich etwas erzählte – er war damals gedanklich abwesender. Eine ungünstige Dynamik kam auch dadurch, dass ich jeweils filterte, was ich sagen konnte und was nicht. Im Nachhinein gibt es für das damalige Verhalten meines Vaters eine Erklärung. Die nun offene Kommunikation miteinander hat uns näher zusammengeschweisst. Mit dem Älterwerden wird die Eltern-Kind-Beziehung meist sowieso ebenbürtiger – vielleicht war das bei uns einfach schon etwas früher der Fall.

Wie veränderte sich die Beziehung zum Rest der Familie, also zu deiner Mutter und deinem Bruder?

Wir stehen uns noch näher als früher, obwohl wir uns schon immer sehr nahe waren. Für uns alle war es eine Chance herauszufinden, wer wir eigentlich wirklich sind. Mit meiner Mutter habe ich einen guten Austausch über alles. Sie wurde mit der Zeit eine sehr grosse Stütze. Mein Bruder sprach lange nicht darüber, wie es ihm mit der Situation ging. Mittlerweile können auch wir uns darüber austauschen.

Vermisst du es, einen Mann als Vater zu haben?

Ja, das würde ich schon sagen. Ich hatte Phasen, in denen ich mir einen Vater wünschte, der die «typische» Vaterfigur verkörpert. Durch unseren Rollentausch, bei dem ich für meinen Vater sorgte, war eine Sehnsucht danach sicher da. Das tief verankerte Bild einer Vaterfigur wird man nicht so schnell los. Verabschieden konnte ich mich dann erstmals in einem Traum, in dem mir mein Vater als «er» begegnete. Im Traum spürte ich aber den Wunsch nach meiner «Papina» und nicht nach ihm.

Wie handhabst du die gendergerechte Sprache?

Ich nutzte noch lange das Pronomen «er» für meinen Vater, weil sie meinem Bruder und mir einen Freipass dafür gab. Darüber war ich sehr froh. Mir ist Sprache enorm wichtig, auch gerade was Minderheiten angeht. Dem Umfeld Zeit zu lassen, finde ich aber trotzdem essenziell. Sechs Jahre nach der Transition merkte ich, dass ich bereit dazu war, nur noch «sie» zu sagen. An der Rolle änderte sich nicht viel, aber das Aussehen passte dann mehr zum weiblichen Pronomen. Nun sage ich einfach «mein Vater» und nutze das Pronomen «sie». Wenn die Leute nicht über meinen Vater Bescheid wissen, dann probiere ich das Pronomen wegzulassen. Es gibt Situationen, in denen das Geschlecht meines Vaters einfach irrelevant ist – dann darf ich auch nicht zu streng mit mir selbst sein, wenn ich mal nicht das richtige Pronomen nutze.

Du hast immer wieder das Thema Akzeptanz in der Gesellschaft angesprochen. Was wünschst du dir denn von der Gesellschaft?

Für mich als Kind einer trans Person ist es wichtig, dass auch ich gesehen werde. Durch die vermehrte Offenheit gegenüber des Themas entsteht die Gefahr, dass Angehörige nicht mehr kritisch sein dürfen. Mir ist wichtig, dass es klar ist, dass ich meinen Vater unterstütze und trotzdem Kritik äussern darf. Zusätzlich wünsche ich mir bei einer medialen Beleuchtung der Thematik, dass auch vermehrt Kinder sowie Angehörige von trans Menschen und deren individuelle Prozesse zur Sprache kommen. Wenn ich Leuten von meiner Familiengeschichte erzähle, geht es dann primär um meinen Vater. Wenn ich aber davon erzähle, sollte es um meine Geschichte und meine Gefühle dazu gehen.

Was möchtest du den Leuten da draussen mitteilen?

Ich würde mir wünschen, dass Leute mehr zuhören und Fragen stellen. Viele haben gleich ein Bild davon, was die Thematik rund um Transgender bedeutet und ziehen Schlussfolgerungen zu Sachen, die sie eigentlich nicht wissen. Es ist einfach zu sagen, dass man das Ganze befürwortet – das ist auch schön. Aber man soll sich auch bewusst sein, dass viel Schmerz damit verbunden ist, der fest mit dem gesellschaftlichen Druck zusammenhängt.

Kommentar von Freundin Pascale

Kommentar von Freundin Pascale

«Ich glaube, dass ich nicht immer die perfekte Freundin für Rebecca sein konnte und dass mein 13-jähriges Ich manchmal ein wenig überfordert war.»

Ich weiss noch genau, wann und wo wir waren, als Rebecca «es» mir sagte. Wir waren auf einer «Pyjama-Party» und als wir alle schon in unsere Schlafsäcke geschlüpft waren und das Licht gelöscht war, räusperte sich Rebecca. Ihr Vater nehme Hormone und habe beschlossen, die Transition zum anderen Geschlecht zu machen. In ihrer Stimme schwangen viel Nervosität und Angst davor, auf Ignoranz und Missmut zu stossen. Ich kann mich nicht mehr an meine genaue Reaktion erinnern, aber ich weiss noch, dass ich sehr überrascht war und mir gleichzeitig viele Gedanken machte, was das für Rebecca bedeutete und wie sich ihr Leben verändern würde.

Die darauffolgenden Wochen und Monate waren sehr schwierig für Rebecca, und das merkte man «von aussen» auch deutlich. Die Transition brachte nicht einfach einen weiblichen Vater mit sich, sondern auch viel Stress und Schwierigkeiten zuhause wie auch am Gymnasium. Obwohl zu Beginn nur wenige der Klasse direkt von Rebeccas Umständen erfahren hatten, ging es nicht lange, bis alle zumindest über verschiedene Ecken (wenn auch nur vage) davon wussten. In der Folge verhielten sich einige transphob. Manchmal wollte ich etwas gegen transphobe Ausdrücke sagen, aber gleichzeitig war es auch nicht mein Ziel, Rebecca dadurch in den von ihr – verständlicherweise – ungeschätzten Mittelpunkt zu drängen. Deshalb blieb ich meistens still und versuchte eher, Rebecca auf andere Gedanken zu bringen und ihr wenigstens in der Schule und im Freundeskreis eine unbeschwerte Stimmung zu bieten, die von den Streitereien der Eltern ablenken sollte. Manchmal kämpfte ich aber auch ein wenig damit, genau nachvollziehen zu können, was Rebecca und ihr Vater gerade durchmachten – einfach, weil es eine aussergewöhnliche Situation war, der ich zuvor nie begegnet war. Ich glaube, dass ich nicht immer die perfekte Freundin für Rebecca sein konnte und dass mein 13-jähriges Ich manchmal selber ein wenig überfordert war.

Ich spreche auch heute immer wieder mal mit Rebecca über ihren Vater und darüber, wie die Situation sie heute noch prägt. Zusammen blicken wir auf die Zeit anfangs Kanti zurück. Manchmal mache ich mir selbst Vorwürfe, dass ich damals schon mehr auf Rebecca und auf die Dinge, mit jenen sie zu kämpfen hatte, hätte eingehen sollen. Mehr mit ihr darüber zu sprechen und ihr das Gefühl zu geben, dass es nicht nur um ihren Vater, sondern auch um sie geht. Ich glaube, ich habe damals gar nicht ganz genau begriffen, was die Transition für Rebecca bedeutet hatte und wie «schlimm» die Zustände bei ihr zuhause manchmal waren. Auch begriff ich nicht immer, weshalb die Situation zuhause sich so auf ihre schulischen Leistungen auswirkte. Ich erinnere mich, dass ich es teilweise unfair fand, dass Rebeccas Noten aufgrund der Einschätzung ihrer Psychologin angehoben wurden und sie damit eine «Sonderbehandlung» bekam. In Retrospektive schäme ich mich ziemlich für die damalige Eifersucht und bin sehr froh, dass sich unser Klassenlehrer und der psychologische Dienst der Schule um Rebecca kümmerten und sie unterstützten.

Meine eigenen Eltern sind getrennt, seit ich vier und geschieden, seit ich sechs Jahre alt war. In dem Sinne kannte ich nie wirklich ein Leben in einer «intakten» Familie. Für mich war es normal, meinen Vater nur jedes zweite Wochenende zu sehen und Weihnachten zwei Mal zu feiern. Als Rebeccas Vater sich zur Transition entschied, war das einer der schlimmsten Aspekte für sie: Ihr zuvor intaktes Familienleben brach krachend auseinander. Ich verglich meine Situation ab und zu mit der von Rebecca und kam aber immer zum Schluss, dass sie es um einiges schwieriger hatte. Einerseits war ich noch ein kleines Kind bei der Trennung meiner Eltern und bekam deshalb auch sehr wenig mit. Andererseits waren Eltern, die sich trennen, etwas das in der Gesellschaft relativ häufig vorkommt und niemand in meinem Umfeld hatte ein Problem damit. Für Rebecca war es ganz anders. Sie war als Teenager in einem Alter, in dem man sowieso konstant in einer Identitätskrise steckt, bekam alles mit und wurde zu einem gewissen Grad auch in die Konflikte ihrer Eltern hineingezogen. Zudem lag der Entscheid, den ihr Vater machte, ausserhalb der gesellschaftlichen Norm und Rebecca war deshalb konstant mit der Angst konfrontiert, bei einer Offenbarung in ihrem Umfeld auf Intoleranz zu stossen.

Ich denke, dass die ganze Situation sich auch auf unsere Freundschaft ausgewirkt hat, und zwar im positiven Sinne. Die Zeit damals war hart für Rebecca und sie brauchte dringend Freund*innen, die an ihrer Seite standen, ihr zuhörten und sie verstanden. Ich glaube, dass ich und andere Mädels unserer Freundesgruppe genau dies taten und gewissermassen ein Anker ausserhalb der schwierigen Familiensituation waren. Auch wenn ich nicht immer alles voll verstand und ich vielleicht nicht immer korrekt auf Rebeccas Bedürfnisse einging, ist unsere Freundschaft dadurch gewachsen und stärker geworden. Dazu bin ich, unter anderem wegen Rebecca, heute viel sensibilisierter auf LGBTQIA+ und Gender-Themen in der Gesellschaft.

Bist du selbst Kind einer trans Person? Möchtest du dich mit Rebecca darüber austauschen? Dann schreibe uns via Kontaktformular eine Nachricht.

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