Das junge Mami

Mit anfangs zwanzig steht bei vielen das eigene Leben im Mittelpunkt. Für viele ist es eine unbeschwerte Zeit und die Gründung einer Familie liegt für die grosse Mehrheit noch in weiter Ferne. Durchschnittlich wird eine Frau in der Schweiz mit über 30 Jahren zum ersten Mal Mutter. Was bedeutet es aber, mit 22 Jahren Mami zu werden? Und wie findet man sich in dieser neuen Rolle zurecht?

Hinweis: Da Anastasja anonym bleiben möchte, zeigen wir ihr Gesicht nicht vollständig.

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Quelle: OECD Family Database

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Quelle: BFS – Statistik der natürlichen Bevölkerungsbewegung BEVNAT ©BFS 2020

Anastasja

FAQ

Wie war es, mit 22 Mami zu werden und eine Familie zu gründen?

Es war sehr aufregend. Da es nicht geplant war, dass ich schwanger werde, war unsere Situation vielleicht etwas spezieller. Wir mussten uns schnell den Begebenheiten anpassen. Ich musste meine eigene Wohnung aufgeben und bin dann mit meinem Freund zusammengezogen. Es war schön, aber nicht immer einfach, sich dieser neuen Situation so schnell anzupassen.

Inwiefern spürst du den Altersunterschied im Vergleich zu älteren Müttern?

Ich habe vorwiegend mit Müttern in meinem Alter zu tun. Doch als ich nach der Schwangerschaft einen Rückbildungskurs für meinen Beckenboden besuchte, war ich mit Abstand die Jüngste. Und manchmal habe ich schon das Gefühl, dass ich ein wenig belächelt werde. Einfach weil ich nicht die gleiche Erfahrung habe, wie eine Frau, die mit Mitte dreissig Mutter geworden ist. Meiner Meinung nach kennt Muttersein aber kein Alter.

Wie hat dein Umfeld auf die Ankündigung deiner Schwangerschaft reagiert?

Sehr durchzogen. Mein nächstes Umfeld war zu Beginn eher kritisch. Sie wussten, dass ich eine Chaotin bin, mein eigenes Leben noch nicht immer im Griff habe und noch studiere. Ich denke, es war schwierig für meine Familie zu verstehen, dass es ernst ist. Mein entfernteres Umfeld hat sich mir gegenüber stets gefreut. Ich bin aber sicher, dass hintenrum auch geredet wurde.

Welche Gedanken hast du dir bezüglich deiner jungen Mutterrolle gemacht? Hattest du Ängste?

Ich habe viel überlegt, was für eine Mutter ich sein möchte und welche Werte ich meiner Tochter mitgeben will. Mir war bewusst, dass ich ihr finanziell vielleicht nicht alles geben kann – das war aber auch nicht mein Bedürfnis. Ich wollte viel eher das liebende Mami sein, das ihre Tochter immer unterstützt. Ängste hatte ich viele, denn vieles war ungewiss und ich hatte Angst, dass ich es nicht schaffe, Mutter zu sein. In den ersten Wochen nach der Geburt wurde mir bewusst, dass meine Tochter nun von mir abhängig ist und ich die volle Verantwortung für ihr Leben trage. Ich konnte diese Ängste aber bald ablegen, da ich wusste, dass ich mein Bestes gebe und mich nicht zu sehr von der Meinung anderer Leute beeinflussen lasse.

Wie hat sich deine Beziehung zu deiner Familie seit der Geburt deiner Tochter verändert?

Vor meiner Schwangerschaft war mein Leben wie bei vielen Anfang zwanzig: Ich habe nicht mehr Zuhause gewohnt, war ständig unterwegs und habe nur etwa einmal pro Monat so richtig Zeit mit meiner Familie verbracht. Seit der Schwangerschaft sehe ich meine Familie einmal in der Woche und ich finde das wirklich sehr schön. Wir haben nun auch immer etwas zu Bereden.

Wie unterscheiden sich die Erwartungen und nun die Realität, Mami zu sein, voneinander?

Ich habe mir in meiner Schwangerschaft nicht viele Gedanken bezüglich meinen Erwartungen gemacht, denn ich wusste, dass ich sonst Panik bekäme. Die Realität ist aber viel schöner, als man denkt. Klar, ein Kleinkind raubt einem Energie, aber es gibt einem dafür viel mehr, als man irgendwie beschreiben könnte. Ich wurde positiv überrascht.

Welche positiven Seiten vom Mami sein, hast du schon erlebt?

Der erste positive Moment war die Geburt. Wir hatten eine wunderschöne Geburt. Sie schweisste meine Tochter und mich extrem zusammen. Das hat mir in den schwierigen Zeiten nach der Geburt Kraft gegeben, denn ich wusste, wir sind ein super Team. Und danach ist jede weitere Entwicklung, jedes Lächeln ein Erfolgsmoment.

Was sind die negativen Seiten? Musst du wegen deiner Tochter auf etwas verzichten?

Ich bin meine grösste Kritikerin und ich habe Angst davor, dass ich für meine Tochter nicht genug bin oder ihr nicht alles geben kann, was sie braucht. Und bezüglich verzichten: Klar gibt es Momente, in denen ich Lust habe, meine Freunde zu treffen oder wiedermal auf eine Party zu gehen. Ich nenne das dann aber eher «Prioritäten setzen», denn ich muss auf nichts verzichten, wenn ich Zuhause mit meinem Kind Zeit verbringen kann.

Wie hast du dich, seit du Mami bist, verändert? Inwiefern bist du «erwachsener»?

Ich habe noch immer den gleichen kindischen Humor wie vorher und mache auch noch dumme Sprüche. In dieser Hinsicht habe ich mich also nicht verändert. Von anderen höre ich aber schon, dass ich mittlerweile «erwachsener» bin. Ich überlege mir vermehrt, ob ich Dinge auch vor meiner Tochter tun würde, bin verantwortungsbewusster und strukturiere meinen Tag besser. Vor allem in meinem Studium merke ich das.

Fühlst du dich manchmal alleine, weil deine Freund*innen noch keine Eltern sind?

Ich denke, Muttersein ist sowieso etwas, in dem man schnell vereinsamt. Man ist zwar die ganze Zeit um einen Menschen herum, aber dieser gibt keine Antwort und versteht einem nicht. In meinem Freundeskreis bin ich die erste Mutter und ich merke schon, dass ich andere Bedürfnisse habe. Vor allem am Anfang hätte ich mir gewünscht, dass meine Freunde nicht nur mein Baby sehen wollen, sondern auch mich oder mal nachfragen, ob ich was brauche.

Wie haben sich deine Beziehungen zu Freund*innen verändert?

Ich sehe meine Freundinnen und Freunde seltener und wenn ich sie sehe, dann ist meine Tochter dabei und dann ist es anders. Zudem habe ich das Gefühl, dass ich auch weniger gefragt werde. Klar kann ich meistens nicht, aber die Option zu haben und zu wissen, meine Freund*innen hätten mich gerne dabei, wäre schön.

Als du erfahren hast, dass du schwanger bist, war für dich gleich klar, dass du die Schwangerschaft fortsetzt oder gab es Momente, in denen du gezweifelt hast?

Für mich war eigentlich immer klar, dass ich das Kind behalte, wenn ich schwanger werde. Ich denke, es ist in einer überraschenden Situation einfach, Vorwände zu finden und zu sagen, es gehe nicht. Klar überlegt man sich, ob es vielleicht einfacher wäre, das Kind nicht zu behalten. Aber für mich war auch klar, dass es ein Geschenk und Privileg ist, Mutter zu werden und ich wollte dieses Geschenk nicht ablehnen.

Du bist während deinem Bachelorstudium Mami geworden. Was hat dich dazu bewegt, weiter zu studieren?

Einerseits wollte ich meinem Freund nicht die ganze finanzielle Verantwortung auftragen und ihn durch mein Einkommen bzw. die Halbwaisenrente unterstützen. Diese bekomme ich, solange ich studiere, da mein Vater verstorben ist. Andererseits wollte ich einfach weiterstudieren. Andere Mütter haben einen Job und mein Job ist nun mal das Studium.

Wie gestaltest du den Spagat zwischen Studium und Mamisein?

Als ich im September 2020 ins neue Semester gestartet bin, konnte ich immer an meinen Studienprojekten arbeiten, während meine Tochter schlief. Das hat anfangs bestens funktioniert. Mittlerweile sind zwei Monate vergangen und ich merke schon, dass es extrem anstrengend ist und an meinen Kräften zehrt. Ohne meine Familie und die Familie meines Freundes würde ich es nicht schaffen. Sie machen den Spagat möglich, indem sie zwischendurch auf meine Tochter aufpassen.

Inwiefern haben sich deine Karrierepläne durch die Geburt deiner Tochter verändert?

Grundsätzlich mache ich mir viel mehr Gedanken, wo ich arbeiten will. Ich überlege mir, was ich meiner Tochter jobmässig vorleben will und wo ich ein Unternehmen finde, das mich als Mutter schätzt. Eine Zeit lang im Ausland zu arbeiten, wäre das Einzige, das schwieriger werden würde. Generell glaube ich aber nicht, dass ich nun Dinge, die ich vor der Geburt meiner Tochter gewollt habe, nicht mehr machen kann.

Wer unterstützt dich und wie?

Meine grösste Stütze ist sicherlich mein Freund. Er versteht mich, gibt gut Acht auf uns und ist ein leidenschaftlicher Vater. Dann auch der engste Familienkreis. Meine Eltern und auch die Eltern meines Freundes unterstützen uns, indem sie auf unsere Tochter aufpassen und auch so viel Freude an ihr haben. Eine weitere Stütze ist die Studiengangsleitung und die Dozierenden, die sehr kulant sind und so die Fortsetzung meines Studiums möglich machen.

Was möchtest du Leuten sagen, die es unverantwortlich finden, mit anfangs zwanzig Mami zu werden?

Grundsätzlich finde ich es lustig, dass es heutzutage so komisch ist, mit anfangs zwanzig Mutter zu werden. Früher war das ja normal und der weibliche Körper ist ja auch gemacht dafür, früh Kinder zu bekommen. Und ich finde, Mamisein kennt kein Alter. Das Alter ist völlig egal, solange du dein Kind liebst und ihm in einem gesunden Rahmen auch alles geben kannst, was es braucht.

Was möchtest du den Leuten da draussen mitteilen?

Ich finde, wir leben in einer Gesellschaft, in der es sehr einfach ist, andere abzustempeln. Darum würde ich mir wünschen, dass die Menschen lieb zueinander sind. Und dass wir aufhören mit diesen Normen. Für alles scheint es den richtigen Zeitpunkt oder das richtige Alter zu geben. Ich finde nicht. Jede*r hat seine eigene Uhr.

Kommentar von Schwester Julia

Kommentar von Schwester Julia

«Anders als früher, zählt meine kleine Schwester heute auf mich, was mich wiederum anspornt, präsenter zu sein.»

Als Anastasja mir erzählte, dass sie schwanger ist, konnte ich es kaum glauben. Die Nachricht kam für mich sehr überraschend und wir hatten zu diesem Zeitpunkt auch keine besonders enge Beziehung. Ich war dieser Neuigkeit gegenüber deshalb kritisch gestimmt und andere Konflikte innerhalb der Familie beschäftigten mich gleichermassen.

Während der Schwangerschaft waren es vorwiegend ihre körperlichen Veränderungen, die mich immer wieder ins Staunen versetzten. Wie ihr Bauch wuchs und wie man später die kleinen Tritte, die vom Inneren des Bauches kamen, sah und spürte. Ich erinnere mich, wie geehrt ich mich fühlte, als ich meine Hand auf Anastasjas schönen Bauch legen und eine Zeit lang so verbleiben durfte. Denn das durfte fast niemand. Es waren solche Momente, die ich als sehr besonders empfand und uns als Schwestern näher zusammenschweissten. Ich freute mich immer mehr auf meine Nichte.

Wegen der Corona-Pandemie konnte ich bei der Geburt meiner Nichte nur per Telefon dabei sein. Es ist schwierig in Worte zu fassen, wie ich mich gefühlt habe, als ich meine Schwester mit Wehen am Telefon hatte. Doch es war schwer, ihr in dieser Situation nicht nah sein zu können. Auch mit dem ersten Besuch wurde ich aufgrund der Pandemie etwas hingehalten. Als ich dann aber meine Nichte zum ersten Mal sah, wurde ich nicht enttäuscht. Unsere Familie hatte nun einen kleinen Engel namens Olivia inmitten von uns und meine kleine Schwester in der Mutterrolle.

Emotional ist Anastasja enorm über sich hinausgewachsen. Sie hat Intuition, Geduld und strahlt Ruhe aus. Eine Herausforderung nach der anderen meistert meine Schwester mit Bravour, auch wenn sie das vermutlich nicht von sich selbst behaupten würde. Nebst den vielen Aufgaben als junge Mutter führt Anastasja ihr Studium fort und ist nun im fünften Semester ihres Bachelorstudiengangs. Stillen, Projekte mit Termindruck sowie die ständige Frage, was wohl am besten für Olivia ist, benötigen Konzentration und Ausdauer.

Ich bin enorm stolz auf meine Schwester und fühle mich dadurch sehr zu ihr und Olivia hingezogen. Ich möchte für sie da sein und an den Geschehnissen teilhaben. Anders als früher, zählt meine kleine Schwester heute auf mich, was mich wiederum anspornt, präsenter zu sein. Durch die Schwangerschaft und die Geburt meiner Nichte haben Anastasja und ich gelernt, uns als Schwestern zu schätzen und uns das auch zu zeigen. Ich geniesse es, mit Anastasja über Dinge zu reden, die uns beschäftigen und finde es wunderschön, wie sehr wir uns über jedes Wiedersehen freuen.

Auf Anastasjas Webseite «MOM MAG» setzt sie sich gemeinsam mit anderen Müttern und Fachpersonen weiter mit dem Thema Mamisein auseinander.

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